Führen in der Krise – nichts geht mehr?

| Dr. Bernhard Rosenberger, Partner |


Die Corona-Krise wirkt auf weite Teile der Wirtschaft wie eine Vollbremsung: Von jetzt auf gleich brechen Umsätze weg, werden Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt und die Sorgen der Unternehmer und Führungskräfte sind mit einem Mal existenziell. Die aktuelle Krise ist ohne historisches Beispiel. Wir können weder absehen, was in den nächsten Monaten auf uns zukommt, noch mit welcher Wahrscheinlichkeit einzelne Annahmen über Risiken zutreffen werden. Die „digitale Disruption“ mutet im Vergleich zur orkanartig über uns gekommenen Corona-Krise wie ein laues Lüftchen an.

Kurzum: Alles ist ungewiss. Außer, dass wir als Menschen mit jedem Tag die Lage neu einschätzen und unsere Handlungsfähigkeit zurückgewinnen können. Führungskräfte sind hierbei besonders gefordert. Können sie noch managen? Nein. Können sie noch ihre alte Stärke nach außen zeigen? Nein. Können Sie die Mitarbeiter und Teams noch mit Durchhalteparolen bei der Stange halten? Nein. Können sie auf sich selbst schauen, die eigenen Begrenzungen im Handeln begreifen und die eigenen Ängste zulassen – und von dort „auf Sicht“ agieren? Ja. Hier eine Checkliste für die Jetzt-Zeit, die bestimmt unvollständig ist, aber als eine Art Selbsttest unterstützend wirken soll:


1. In Richtung Selbstführung

  • Die Situation ganzheitlich und „schonungslos“ erfassen und annehmen

  • Den Blick nach innen richten (Was ängstigt mich? Wie komme ich zur Ruhe?)

  • Ein Stabilitätsanker sein – zwischen realistischem Optimismus, Wachsamkeit und Gelassenheit

  • Für die eigene Stressbewältigung sorgen (Sport, Entspannung, positive Ablenkungen)

  • Zupackend handeln, aber lernfähig bleiben

  • Mit gutem Beispiel vorangehen (z.B. auf Gehalt verzichten)

2. In Richtung Menschenführung:

  • Als Führungskraft eine Stütze sein (entscheiden, unterstützen, zuhören)

  • Als Führungsteam mit einer Stimme sprechen

  • Auf die Mitarbeiter und ihre Bedürfnisse und Sorgen eingehen

  • Mit Mitarbeitern intensiv kommunizieren – kein „Wegducken“ und keine „einsamen“ Entscheidungen

  • Sich selbst und anderen viel Wertschätzung geben

3. In Richtung Unternehmensführung:

  • Eine Liquiditätsplanung erstellen

  • Ein Krisenteam aus unabhängigen Köpfen bilden

  • In verschiedenen Szenarien denken

  • Den Kontakt zu wichtigen Kunden halten

  • Die Zeit danach ins Visier nehmen (neue Märkte, Geschäftsfelder, Produkte)

In solch einer Krise gibt es keine Ausflüchte mehr. Sie zeigt, was wichtig und was verzichtbar ist. Man erkennt, wer oder was wirklich zusammenpasst. Die Krise zwingt uns zu Fokussierung und Entschleunigung zugleich.

Aber eine Krise weckt auch Kraft, Mut und Ideenreichtum, oder wie John Strelecky, der Autor von „Das Café am Rande der Welt“, es formuliert: „Wie wäre es, wenn ich angesichts einer Herausforderung den Mut hätte, andere Fragen zu stellen? Es gibt eine Grenze, die ich für gegeben erachte. Aber warum bin ich davon überzeugt?"